Offen für Neues

Nachdem wir uns mit den grundlegenden Eigenschaften beschäftigt haben, welche jeder Reiter mitbringen muss, möchten wir heute den größten Unterschied zwischen Profis und Amateuren im Reitsport betrachten. 

 

Die grundlegenden Eigenschaften wie Sitz, Hilfengebung, Gleichgewicht, Geschicklichkeit und sogar das Auge sind mit gewissem Fleiß und Zielstrebigkeit relativ einfach zu erreichen. Um in diesen Punkten mehr zu erlernen haben wir euch bereits einiges durch diesen Blog mit auf den Weg gegeben. Aber habt ihr euch auch schon mal gefragt warum einige Reiter besser sind als andere? Wenn die Grundlagen doch immer gleich sind, warum schafft es dann der eine Reiter fast jedes Pferd auszubilden und ein anderer Reiter kommt nicht einmal richtig mit seinem eigenen Pferd klar. 

Wir sehen zwei Faktoren als die alles entscheidenden Voraussetzungen an. 

Den ersten Punkt finden wir bereits in der akribischen Arbeit an uns selbst. In dem man einen guten Sitz hat, hilft man auch dem Pferd im Gleichgewicht zu bleiben, außerdem fällt es einem dadurch leichter die Hilfen anzuwenden, weil der Sitz freier und unabhängiger ist.  Eine korrekte Hilfengebung wiederrum ermöglicht es dem Pferd unsere Befehle schneller zu verstehen. Oder in manchen Situationen überhaupt zu verstehen. Wie wir unter dem Punkt Hilfen schon beschrieben haben, kommt es dabei nicht in erster Linie darauf an immer die lehrbuchmäßigen Hilfen zu geben. Wichtig ist vielmehr, dass ihr eurem Pferd begreifbar macht, welche Hilfe welche Bedeutung bei euch hat. Diese Hilfe muss dann natürlich konsequent angewendet werden. Und zwar immer auf die exakt gleiche Weise, nur so kann das Pferd die Hilfe immer wieder richtig interpretieren. Arbeitet man konsequent an seinen eigenen grundlegenden Fähigkeiten ist man auch sicherer und diese Sicherheit überträgt sich auf das Pferd. Was ein Pferd sehr schnell spürt. 

Diese Dinge sind noch sehr greifbar und leicht zu verstehen. Allein auf den Fleiß und die Beobachtung seiner selbst kommt es hierbei an. Es bedarf auch keines besonderen Talents für diese Dinge. Nicht einmal das Auge braucht unbeschreiblich viel Talent. Auf die Übung kommt es an. 

 

Der zweite Faktor findet sich in der Offenheit! Klingt erstmal sehr einfach, aber was dieser kleine Satz für einen riesen Unterschied machen kann, vor allem in der detaillierten Arbeit am Pferd, ist enorm. Diese Offenheit soll vorerst der letzte Punkt in diesem Blog zu den Fähigkeiten des Reiters sein. Sie ist gleichzeitig der wichtigste Faktor den wir an uns Reitern verbessern können. Nebenbei ist diese Offenheit im Moment auch unsere persönliche größte Herausforderung. 

Doch was genau meinen wir eigentlich mit dieser mondlandungsartigen Offenheit? Im Leben als Reiter erhält man viele Tipps und Tricks. Vornehmlich vom eigenen Trainer. Es wird an den eigenen Fähigkeiten gearbeitet und an den Fähigkeiten des Pferdes. Ist ein Tipp hilfreich kann man mitunter schon mal einen riesen Sprung auf ein neues Level schaffen. Kam man bisher gerade durch einen E- Parcours mit zwei drei Fehlern oder gar Stopps, kann der richtige Tipp dafür sorgen, dass man auf einmal sauber durch ein A- Springen reitet.  Aber was haben diese Tipps und Tricks mit Offenheit zu tun? Offenheit bedeutet für uns offen gegenüber neuen Erkenntnissen zu sein. Offenheit bedeutet für uns Freude am neuen Wissen und die Suche danach. Offenheit bedeutet aber auch sich ohne voreilige Schlüsse kritisch mit neuem Wissen auseinander zu setzen. Offenheit bedeutet damit auch die Freude am Hinterfragen. Fragen warum etwas so ist wie es ist. Fragen wie es besser geht. Fragen wie man an ein Ziel kommt. Fragen sind das wichtigste Werkzeug dieser Offenheit. Nur mit den richtigen Fragen können wir die richtigen Antworten bekommen und nur mit den richtigen Antworten können wir einen Sachverhalt neutral beurteilen. Nur mit Neutralität können wir neues Wissen anwenden und testen. Nur mit diesen neutralen Tests können wir prüfen, ob dieses neue Wissen hilfreich ist oder prüfen für welche Situationen genau das neue Wissen hilfreich ist. 

Geht man mit offenen Augen und Ohren durchs Leben findet man vieles, was einem weiterhelfen kann, aber dieses erkennt man nur, wenn man offen gegenüber Neuem ist. Deshalb heißt dieser Beitrag nicht Wissensfindung oder Ideenfindung etc., sondern Offenheit. Weil die Offenheit der grundlegende Schlüssel ist. 

 

Doch jetzt zu ein paar greifbareren Aussagen zu diesem wichtigsten aller Themen im Reitsport. 

Ich habe eben die Frage in den Raum geworfen, warum manche Reiter fast jedes Pferd zur Bestform ausbilden können und andere Reiter nicht einmal wirklich das Beste aus ihrem Pferd herausholen können. Betrachten wir also die Herangehensweisen der verschiedenen Reiter. Stellen wir uns vor unser Pferd läuft nie in der optimalen Anlehnung (intensiv beschäftigen wir uns in späteren Beiträgen mit der Anlehnung, hier dient sie nur als Beispiel). Als Reiter bemerkt man dies. Das ist der erste Gedankenschritt. Der nächste ist natürlich dieses Problem beheben zu wollen. Daher sucht man sich Hilfe. Diese Hilfe sucht man sich um Tipps zu erhalten. Diesen Tipp wendet man dann einfach mehr oder weniger erfolgreich an. Soweit sollte wohl schon der unerfahrenste Reiter in seinen Überlegungen kommen. Jetzt wird es langsam interessant. Während viele schon nach diesem ersten Misserfolg das Projekt Anlehnung aufgeben (was erschreckenderweise häufig passiert), versuchen es andere weiter. Sie glauben einfach noch nicht lang genug den Tipp angewendet zu haben. Irgendwann bleiben aber auch sie auf der Strecke. Diejenigen die nun noch nicht genug haben, kommen eventuell sogar auf die Idee einen weiteren Trainer aufzusuchen. Doch er sagt entweder das gleiche oder man landet wieder in einer Sackgasse. Andere hatten vielleicht schon Glück mit dem zweiten Trainer. Dritte wiederrum trauen sich aufgrund des Einflusses ihres bisherigen Trainers gar nicht erst zu einem neuen Trainer, was ein riesen Fehler ist, denn der Trainer ist nicht euer Herr und je hässlicher der Trainer darauf reagiert, dass ihr auch zu einem anderen Trainer geht, desto eher solltet ihr nie mehr zu besagtem schlechten Trainer gehen. Jedenfalls fällt eins auf. Der logische nächste Schritt nach dem ersten Scheitern ist es neue Ideen zu suchen. Soweit kommt auch fast jeder Reiter. Das Problem was jetzt aber schon fast alle haben, ist dass es einige gängige Methoden gibt, wie man die Anlehnung zu erarbeiten hat. Diese zwei oder drei Methoden findet man bei den normalen Trainern immer wieder. Es kommt aber oft vor, dass diese Methoden nicht zum gewünschten Erfolg führen. Jetzt steht man genau an dem Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg. Wer an dieser Stelle trotz der bisherigen Misserfolge offen ist, der stellt sich nun im nächsten Schritt die richtigen Fragen. Eine Frage könnte lauten: Gibt es noch andere Möglichkeiten? Eine nächste Frage lautet: Was mache ich falsch? Wie Offen muss man sein, um sich diese Frage wirklich ernsthaft zu stellen? Diese Frage greift einen persönlich an und tut mitunter weh. Aber warum tut sie weh? Wir wollen uns verbessern, keiner ist von Natur aus ein super Reiter. Wir sollten diese Frage offen und neutral stellen. Wir sollten einen Fehler nicht als etwas Schlechtes betrachten, sondern als Chance etwas besser zu machen. Es ist ja so: liegt es wirklich an einem Fehler, den wir bei der Anwendung der verschiedenen Methoden zur Erarbeitung der Anlehnung begehen, den bisher einfach noch keiner gesehen hat, dann müssen wir nur diesen Fehler korrigieren und schon erhalten wir eine schöne Anlehnung. Das ist doch klasse! Wer sich diese Frage neutral und offen gestellt hat, lässt sich also filmen, bespricht mit seinem Trainer, ob dieser nicht doch einen Anwendungsfehler sieht und arbeitet daran die Methode der Wahl einfach korrekt anzuwenden. Im Motorsport sucht man nach der perfekten Abstimmung und ändert immer wieder verschiedene Autoeinstellungen bis man das Optimum hat. Im Reitsport wäre dieser Punkt also verschiedene Anwendungsweisen mal umzustellen, um zu sehen, ob darin der Fehler lag. Hilft dies nicht, wendet man es wieder an wie am Anfang und sucht sich einen weiteren Punkt, den man ausprobiert. So ändert man beispielsweise die Zügelführung, falls dies nicht hilft ändert man die treibenden Hilfen und so weiter. Wem all das nicht hilft, weil er keinen Anwendungsfehler begeht, landet also wieder bei der Frage: welche anderen Möglichkeiten gibt es noch? Und wer darauf Antworten sucht, der wird schnell merken, wie schwer es ist, wirklich brauchbares Wissen ab einem bestimmten Niveau zu finden. Zugegeben zur Anlehnungsthematik gibt es sehr viele beschriebene Herangehensweisen. Hier liegt die Arbeit einfach nur darin den verschiedenen Methoden gedanklich eine Chance zu geben und alle kritisch zu hinterfragen. Hat man sein eigenes Problem mit der Anlehnung offen und umfassend analysiert kann man die gefundenen Methoden auf die Wirksamkeit zu den persönlichen Erfordernissen schon sehr gut einschätzen. Und so die zwei oder drei erfolgversprechendsten in der Praxis versuchen. In der Regel kommt man so sogar ohne Trainer zum Erfolg. 

Der Reiter, der also fast jedes Pferd zum Optimum ausbildet, schafft genau diese Herausforderung. Er hat ein Problem, er analysiert das Problem, er sucht nach einfachen Fehlern bei der Anwendung und wenn das alles nicht fruchtet, sucht er nach neuen Möglichkeiten. Diese betrachtet er dann in der Theorie genau und wendet nur die vielversprechendsten an. Oder er geht sogar noch eine Stufe weiter und schafft es das Beste aus jeder Methode herauszufiltern und nur die besten Stücke jeder Methode zusammenzufügen zu einer neuen Supermethode für seine persönlichen Erfordernisse. Dem unerfahrenen Reiter empfiehlt es sich natürlich solche abenteuerlichen Ideen mit einem Trainer des Vertrauens genau zu besprechen, damit man nicht an anderer Stelle einen Fehler einbaut. Aber das Prinzip sollte hoffentlich klar sein. 

Diese Herangehensweise macht dann mit zunehmender Leistungsdichte den großen Unterschied aus. So wird das Pferd mit der stärkeren Hinterhand das Pferd mit der schwächeren übertrumpfen. Also überlegt man sich als Reiter wie man die Hinterhand seines Erfolgspferdes optimal auf die schweren Prüfungen vorbereiten kann. So gibt es eingefahrene Springpferde. Oder sogar Springpferde, die am Pflug eingefahren sind und den Hallenboden selbst schleppen müssen, weil dies eine wunderbar kräftige Hinterhand gibt. Und nebenbei ist es eine geistige Abwechslung zum Reitalltag. Aus diesem Grund nutzt man Gymnastikreihen, weil sich mal ein Reiter genau überlegt hat wie er dem Pferd schnelle Reaktionen etc. beibringen könnte. Die Profireiter haben schon so oft die verschiedensten Probleme gehabt, dass sie sich schon oft Lösungen ausdenken mussten. Und da jedes Pferd verschieden ist haben Profis für sich auch verschiedene Methoden erarbeitet für das gleiche Ziel. So reiten sie das eine Pferd mit der einen Methode, um eine perfekte Anlehnung zu erarbeiten und das andere Pferd mit einer ganz anderen, aber ebenfalls um eine perfekte Anlehnung zu erhalten. 

Wer also ein wirklich guter Reiter werden will, der braucht nicht viel Geld für teures Training. Wer ein wirklich guter Reiter werden will, der braucht Offenheit. Offenheit, um sich mit verschiedenen Methoden so viel Wissen und Ideen für ein Problem wie möglich anzueignen. Um aus diesem Wissen und diesen Ideen dann verschiedene zu versuchen und somit Erfolg zu haben. Man kann aber auch offen sein und Mut zu eigenen Ideenentwicklungen haben. Es spielt alles keine Rolle woher das Wissen kommt und wie die Methode genau aussieht, wichtig ist, dass man sie durchdenkt und sie dem Pferdewohl nicht schadet.

Weil wir den enormen Wert von verschiedenen Ideen und so weiter schätzen gelernt haben, wollen wir euch mit diesem Blog die Chance geben immer auch neues Wissen und neuen Input mit einfachen Mitteln zu gewinnen. Immerhin müsst ihr nur regelmäßig die Beiträge lesen und schon habt ihr hier und da mal neue Ideen. Deshalb regen wir auch immer dazu an, dass ihr mitdiskutiert. Es gibt nicht nur eine richtige Methode, sondern es gibt nur Ideen die zur Zielerfüllung führen könnten. Aber das hängt immer auch vom Gesamtpaket ab. Je mehr Ideen wir als Community zusammentragen desto mehr Vorteile haben wir zusammen gegenüber allen die nicht in der Community sind. 

 

Abschließend noch ein Beispiel aus unserem Leben. 

Bei Momo geht es mittlerweile nicht mehr darum, ob sie durch den Parcours kommt oder nicht (jedenfalls mit den Erfolgspferden) - es geht darum ob die Stange fällt oder nicht. Und das auf einem ziemlich hohen Niveau. Wie ihr euch vorstellen könnt ist es nicht einfach gegen die größten Namen im deutschen Reitsport anzukommen, vor allem in unserem Alter. Aber wie schafft man es, dass die Stange in einem so schweren Parcours nicht fällt? Mit dieser Frage im Gepäck fahren wir also von Turnier zu Turnier und von Training zu Training. Wir analysieren jeden Parcours warum die Stange gefallen sein könnte und warum sie nicht gefallen ist. Wir probieren Trainingsmethoden und kontrollieren, ob sie fruchten. So gab es bei Genial das Problem, dass sie in Kombinationen schnell schüchtern wurde. Außerdem hatte sie am Anfang oft am Aussprung einen Fehler. Was also tun? Die Antwort darauf haben wir gefunden, weil wir mit offenen Augen durchs Leben gingen. Ich habe einen Beitrag von Marcus Ehning gelesen in dem er beschreibt warum er Gymnastikreihen so liebt. Wie es der Zufall so will beschrieb er genau unser Problem mit Genial. Ein paar Tage später kam genau dieses Thema in einem Gespräch mit dem Bundestrainer auf und der ganze Plan wurde noch weiter verfestigt. Und siehe da in Berlin auf dem Global Jumping bekam Genial ihre erste internationale Platzierung und fiel das erste Mal extrem positiv auf. Das klingt im Nachhinein total banal, aber mit unserer bisherigen Erfahrung hat man Gymnastikreihen eher für junge Pferde genutzt und nicht für Pferde, die im großen Sport laufen. Da der Erfolg mit Gini so groß war, haben wir auch an einige Probleme mit Lumpi und Püppi gedacht und siehe da, die Reihe ein wenig nur umgebaut und schon konnte man fleißig im Detail auch mit diesen beiden arbeiten. So beeinflusst man den Sprungablauf, die Fußfolge in einer Kombination, die Reaktionsgeschwindigkeit und den Mut. Man kann mit einer Gymnastikreihe noch viel mehr höchst positiv beeinflussen. Ähnliche Tipps die viel gebracht haben, haben wir schon einfach in einem Gespräch aufgeschnappt die am Nachbartisch auf einem Turnier stattgefunden haben. Oder man hat einfach einen anderen Reiter angesprochen, natürlich geht dies nur mit befreundeten Reitern. 

Man muss aber auch aufpassen, es handelt sich immerhin um einen Wettkampf! Im Rennsport haben wir damals bei den Zahnrädern extra ein System entwickelt, um falsche Zahlen auf die Zahnräder zu schreiben, weil die Konkurrenz schauen wollte, welches Zahnrad wir nutzen, also wie viele Zähne unser Zahnrad hat. So konnte man die Konkurrenz in die Irre führen und einen Vorteil erhaschen. Solche schmutzigen Tricks werden auch im Reitsport angewandt, weshalb ihr einen Tipp immer hinterfragen solltet und ausgiebig testen solltet, bevor ihr ihm wirklich vertraut. Es gibt immer Neider und Leute, die nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. 

Als Community haben wir hier aber die Chance unsere Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam Wissen zu gewinnen. So kommt hoffentlich jeder auf seine Kosten. 

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