Das Auge

Heute möchten wir uns mit einem Thema beschäftigen, das im Springreiten den Unterschied macht: Das Auge. 

Natürlich meinen wir nicht das Pferdeauge, sondern das Gefühl den richtigen Absprungpunkt zu treffen. Um diesen treffen zu können, muss man natürlich erstmal genau wissen wo dieser liegt. So weit so klar, aber wie trifft man diesen Punkt dann beim Reiten? 

Nach kurzer theoretischer Einleitung wollen wir versuchen euch Tipps an die Hand zu geben, mit denen ihr trainieren könnt. 

 

Wo der optimale Absprungpunkt liegt ist, abhängig von dem Hindernis, welches es zu überwinden gilt. Stellt man sich die Flugkurve des Sprunges vor, erhält man eine Parabel. Nach dem Absprung steigt die Höhe an. Dies tut sie bis sie am höchsten Punkt angelangt ist, um dann wieder Richtung Landepunkt zu sinken. Diese Parabel sollte ihren Höhepunkt genau über der Mitte des Hindernisses haben (abgesehen von der Trippelbarre). Das heißt bei einem Steilsprung ist der höchste Punkt der Sprung bestenfalls genau über der Stange. Bei einem Oxer hingegen sollte der höchste Punkt genau zwischen der ersten und zweiten Stange liegen. Zusätzlich müssen wir darauf achten diese Parabel nicht zu sehr zu strecken und nicht zu sehr zu stauchen. Im ersteren Fall wird das Pferd zu flach springen, woraus wohl ein Vorhandfehler passieren wird, im Zweiten wird es eher einen Hinterhandfehler geben, da die Weite des Flugs nicht mehr reicht um auch noch die Hinterhand über den Sprung zu bekommen. Kommen beide Fälle in ein Extrem, wird das Pferd kaum abspringen können und verweigern, wenn man Glück hat. 

 Textfeld:

 

 In diesem Bild könnt ihr die beschriebene Parabel sehen. Die mittlere Linie ist jeweils die optimale Flugkurve. Das schöne ist ihr seht bei kleineren Sprüngen ist die Toleranz für Fehler sehr viel größer. 

 

Das sagt aber immer noch nicht wo genau der optimale Absprungpunkt zu finden ist. Um diesen zu ermitteln, solltet ihr bei einem Steilsprung die Höhe messen. Diese Höhe entspricht dann der Entfernung des optimalen Absprungpunktes zum Hindernis. Das heißt wer einen 1,20m hohen Steilsprung überwinden möchte, sollte 1,20m vor dem Hindernis mit seinem Pferd abspringen. Wichtig ist dabei immer zu beachten, dass ein höheres Grundtempo einen größeren Abstand zum Sprung erfordert und ein niedrigeres Tempo einen geringeren Abstand. Und genau hier sind wir beim Auge. Der Reiter muss durch Erfahrungen ein Gefühl aufbauen, bei welchem Tempo, welche Distanz zum Sprung für das jeweilige Pferd optimal ist. Jüngere Pferde kommen mit unpassenden Situationen nicht so gut zurecht wie erfahrene Pferde. Manche Pferde haben von Natur aus ein höheres Grundtempo und fühlen sich zu sehr eingebremst nicht wohl, andere wiederum springen lieber aus der Ruhe. Dies alles gilt es zu beachten und das macht letztlich ein gutes Auge aus. 

Nur ist es selbstverständlich nicht einfach dieses Gefühl zu erarbeiten. Deshalb folgend unsere Trainingstipps für euer Gefühl. 

 

Wer sein Auge schulen möchte braucht keine hohen Sprünge. Im Gegenteil hohe Sprünge wären sogar schädlich. Es kommt auf möglichst viele Wiederholungen an, um sein Gefühl zu verbessern. Uns sagte mal jemand, dass es nicht darauf ankommt wie begabt oder talentiert ein Mensch ist, sondern es kommt darauf an, ob ein Mensch bereit dazu ist, die nötige Anzahl an Wiederholungen durchzuführen. Das heißt erfreulicherweise jeder kann alles! Und jeder kann auch alles lernen. Die Unterschiede gibt es nur in der nötigen Wiederholungszahl. Sicherlich gibt es Naturtalente, die sehr schnell ein gutes Auge entwickeln, aber die meisten Profireiter haben so ein gutes Auge vor allem deshalb, weil sie ihr Auge jeden Tag schulen, da sie jeden Tag Pferde springen müssen. Und meistens mehrere am Tag. Die Wiederholungszahl ist also unglaublich hoch und das führt zwingend zu einem guten Auge, da die Erfahrungen sehr groß sind. 

Wie also kann jemand mit nur einem Pferd ein gutes Auge entwickeln? Unser Lieblingstipp ist so einfach wie wirkungsvoll. Man nehme ein Cavaletti und stelle es auf einer Zirkellinie auf. Den Zirkeldurchmesser wählt man nicht zu eng. Dann misst man die Höhe des Cavaletti und benutzt das Ergebnis der Höhenmessung, um sich den richtigen Absprungpunkt zu markieren. Diese Markierung muss beim Reiten deutlich sichtbar sein und sie sollte sichtbar sein, auch wenn ihr zum Cavaletti schaut. Nun habt ihr den perfekten Absprungpunkt mit einfachen Mitteln exakt bestimmt und könnt euch auf euer Pferd schwingen. Nach entsprechender Aufwärmphase reitet ihr nun auf dem Zirkel über das Cavaletti. Diesen Vorgang wiederholt ihr immer wieder. Das schöne ist, diese Übung ist nicht zu anstrengend für euer Pferd, vor allem wenn der Zirkel groß genug ist. Und es ist auch kein echter Sprung, aber ihr simuliert einen echten Sprung. Da es nur ein Cavaletti ist, reicht die Ausdauer des Pferdes auch viel länger als wenn es ein richtiger Sprung wäre. Das ist wichtig, denn es kommt ja gerade auf die Wiederholungszahl an (trotzdem müsst ihr dem Pferd in einer Trainingseinheit selbstverständlich immer die nötigen Pausen gönnen, das versteht sich von selbst). Wenn ihr ein paar Mal über das Cavaletti geritten seid, wisst ihr wie gut oder schlecht ihr dieses getroffen habt. Allein immer wieder darüber zu reiten schult euer Auge noch nicht. Kontrolliert akribisch, ob ihr den visualisierten Absprungpunkt zuverlässig trefft oder immer wieder unterschiedlich zum Sprung kommt. Im ersten Schritt geht es nicht darum schon passend zu kommen, es geht vielmehr darum immer wieder gleich am Cavaletti anzukommen. Seid ihr schon 3 Mal etwas zu dicht gekommen, solltet ihr versuchen noch 2 Mal genau so dicht anzukommen. Dies steuert ihr über die Linienführung und das Tempo. Reitet also ein immer gleiches Tempo auf dem Zirkel und die immer gleiche Linie, also den immer gleich großen Zirkel. Klingt wahrscheinlich sehr blöd, dass man zu dicht ankommen soll, aber es geht darum ein Gefühl für die Situation zu erhalten und bewusst zu reiten. Wenn ihr also in einer Trainingseinheit (oder mehreren, egal wie viele) geübt habt konstant zum Cavaletti zu reiten, kommt der nächste Schritt. Auf der nächsten Ebene reiten wir nämlich zwei Mal genau gleich zum Cavaletti, dann schauen wir ob wir zu dicht ankamen oder zu weit (zwei Mal soll euch einfach die Bestätigung geben, quasi einen Versuch und einen Kontrollversuch). Kamen wir zweimal zu dicht, wissen wir, dass wir eine gleichmäßige Zirkelrunde gedreht haben und wir wissen weiter, dass wir nun einfach diese Zirkellinie, also den Zirkeldurchmesser, verändern müssen. Wichtig ist ein unverändertes Tempo, man darf immer nur eine Variable gleichzeitig ändern. Kam man also zweimal zu dicht, wählt man eine etwas größere Zirkelrunde. Aber nicht viel größer, immerhin reden wir bei einem Cavaletti von sehr kleinen Abständen. Auf der größeren Zirkelrunde reitet man wieder zweimal über das Cavaletti im gleichen Tempo wie bei den ersten beiden Versuchen. Dann schaut man wieder wie man ankam. Hat es schon gepasst - perfekt. Wurde es nun zu groß verkleinert man den Zirkel wieder etwas und wählt ein Zwischenmaß aus den ersten beiden Versuchen und den zweiten. Hat man nun die richtige Distanz gefunden, reitet man immer wieder über das Cavaletti, um wieder zu üben konstant zum Sprung zu kommen. Das Beschriebene reitet man natürlich auf beiden Händen. 

So solltet ihr recht schnell ein immer besseres Gefühl dafür bekommen wie groß und wie schnell der Zirkel gewählt sein muss um passend anzukommen. Wie gesagt wir reden hier über mehrere Trainingseinheiten über Tage verteilt. Wenn diese Übung irgendwann zu leicht ist, könnt ihr das Cavaletti auf einen engeren Zirkel stellen, so wird es schwerer konstant die Linie zu halten und damit auch schwerer konstant passend anzureiten. Wichtig an der ganzen Übung ist vor allem, dass ihr den Anreiteweg bewusst verändert, so lange bis ihr immer wieder passend kommt. 

Wenn die Übung auch auf einem engeren Zirkel funktioniert, könnt ihr nun den nächsten Schritt gehen. 

Stellt das Cavaletti wieder auf einen großen Zirkel und reitet in bekannter Weise mehrmals über das Cavaletti. Wenn ihr unpassend kommt verändert ihr aber diesmal nicht die Linienführung, sondern das Tempo! Kamt ihr in den ersten Versuchen (hoffentlich) unpassend, reitet den Zirkel zwei Mal in einem geringeren Grundtempo. Passt es immer noch nicht verändert das Tempo solange bis es passt und reitet dann immer wieder im gleichen Tempo passend an den Sprung. Wichtig ist auch hier wieder das bewusste, konstante Reiten im gewählten Tempo. Habt ihr den Sprung nun über das geringere Tempo passend gemacht, könnt ihr ein anderes Mal den Sprung über ein etwas höheres Grundtempo den Sprung passend machen und dieses üben. Wichtig ist eben nur, dass der Zirkel über die gesamte Runde genau das Tempo hat, welches ihr bewusst wählt. Es geht nicht darum die Hälfte nach dem Sprung langsam zu reiten und Richtung Sprung Gas zu geben, oder andersrum. Auch hier kann man in einem weiteren Schritt die Größe des Zirkels ändern. 

Klappt bis hierhin alles, nach egal wie langer Übungszeit, kommt der nächste Schwierigkeitsgrad. Stellt das Cavaletti nun auf die Lange Seite und reitet genau wie auf dem Zirkel ein paar Mal konstant an. Markiert euch auch hier vorher den perfekten Punkt und überprüft wo ihr abspringt. Dann ändert die Linie. Wendet also ein paar Mal genau an der gleichen Stelle eher, oder genau gleich später zum Sprung ab. Variiert später das Tempo. Wichtig ist nur die Konstanz, da ihr über das konstante Reiten, den Fehler finden könnt und nur so den Fehler beheben könnt. Ist es eine Lotterie wie ihr zum Sprung kommt, weil ihr immer wieder unterschiedliche Linienführungen wählt, oder immer wieder unterschiedliche Tempi reitet, kann niemals ein Gefühl dafür entwickelt werden, welche Reaktion in einer gewissen Situation erforderlich ist. 

Mit den beschriebenen Übungen müsstet ihr nun recht gut im konstanten Anreiten geworden sein. Sobald dies in beiden Schwierigkeitsgraden funktioniert, könnt ihr selbstständig noch ein wenig mit der Position des Cavalettis spielen. Bevor dann der nächste und wichtigste Schritt kommt. Ihr habt das Cavaletti irgendwo stehen, mit markiertem Absprungpunkt und reitet wieder ein paar Mal an. Dieses Anreiten musste immer genau gleich sein. Nun wisst ihr sicher, ob ihr zu dicht oder zu weit vom Cavaletti entfernt ward. Überlegt euch daraufhin, ob es in der Situation sinnvoller wäre das Tempo zu verändern, oder die Linie zum Sprung anders zu reiten. War euer Grundtempo genau richtig und gleichmäßig ist es wohl sinnvoller die Linie zu ändern. War eure Linie sehr schön und angenehm zu reiten, ist es wohl besser das Tempo zu variieren, vor allem wenn ihr gemerkt habt, dass während des Anreitens das Tempo ungleichmäßig war. Spielt so ein wenig herum, bis ihr das Cavaletti optimal getroffen habt und merkt euch dieses Anreiten, um wieder ein paar Mal genau gleich darüber zu reiten. 

Diese Übungen können dann nach zahlreichen Wiederholungen, oder auch immer mal wieder zwischendurch, mit einem echten Sprung geübt werden. Natürlich ist ein Sprung wesentlich anstrengender, weshalb es mit ihm nicht so oft in einer Einheit wiederholt werden kann, wie mit einem Cavaletti. 

Nach diesen ganzen Übungen habt ihr viele, viele Wiederholungen hinter euch und euer Gefühl müsste wesentlich besser geworden sein. Reitet nun einen Parcours einmal durch und lasst euch auf jeden Fall dabei filmen. Analysiert den gerittenen Parcours direkt bei jedem Sprung. War ein Sprung passend, merkt ihr euch wie ihr ihn angeritten seid und reitet ihn nochmal genau so an. War ein Sprung unpassend, schaut ob das Tempo ungleichmäßig oder schlecht war, oder ob die Linienführung komisch war und überlegt euch vorher was ihr ändern wollt. Ändert nur Tempo oder Linie und reitet dann nach intensiver Analyse ein weiteres Mal den Parcours und achtet darauf an jeder Stelle so zu reiten wie es vorher geplant war. 

Alternativ kann man auch nach einem Parcours nur gezielt einzelne Stellen des Parcours wiederholen, wenn man sich noch nicht zutraut gleich an allen Stellen bewusst wie analysiert zu reiten. Es kommt darauf an, dass ihr eine Stelle des Parcours ganz bewusst analysiert und ändert, solange ändert bis sie passt. 

Macht man diese Übungen immer wieder, erhält man irgendwann ein unglaublich gutes Gefühl dafür, was in einer Situation falsch war und so merkt man auch immer eher beim Reiten, wenn etwas nicht passt. 

 

Zusätzlich könnt ihr noch buchstäblich mit eurem Auge spielen. Manche treffen einen Sprung automatisch besser, wenn sie über den Sprung hinweg schauen, also zum Beispiel ein paar Meter hinter den Sprung. Andere kommen besser, wenn sie auf den Absprungpunkt selbst schauen, aber die allerwenigsten treffen den Sprung am besten, wenn sie auf die oberste Stange schauen, oder wenn sie auf die Fußstange schauen. Probiert aber trotzdem alle 4 Varianten aus, welche euch persönlich am besten gefallen. Natürlich müsst ihr jede Variante mehrmals versuchen, um eine gutes Ergebnis zu erhalten. 

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  • Toller Artikel

    Super Tipps! Ich übe auch gerne mit Stangen oder Cavalettis in einer Distanz. Also, bspw. Zwei Cavalettis mit einem Abstand von 28m und dann reitet man 7,8,9,10,9,8,7 Galoppsprünge dazwischen. LG aus Kanada

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